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„Alte Bäume – voller Leben“

von Ralf Grunewald
Baumvetran © Ralf Grunewald
Baumvetran © Ralf Grunewald

Nicht nur bei Menschen verhält es sich so, dass sie mit zunehmenden Alter, höherer Faltendichte und lichteren Haaren an Charisma und Charakter gewinnen können. Auch bei Bäumen spielt das Alter, die zunehmenden Risse und Furchen in der Rinde sowie eine lichtere Krone eine wichtige Rolle für das Erscheinungsbild. Baumveteranen beeindrucken einerseits äußerlich durch mächtige Stämme und breite Kronen und darüber hinaus durch ihr Alter, das viele Menschenleben und Generationen umfasst – Zeitspannen, die der einzelne Mensch niemals erleben wird können.

Es gibt aber noch weitere Aspekte bei alten Bäumen, die bemerkenswert sind und wo die Analogie zu uns Menschen dann irgendwann nicht mehr greift: Selbst alte, morsche, hohle, krumme und windgebeutelte Baumveteranen stecken im wahrsten Sinne des Wortes voller Leben. Gerade in den Städten und Dörfern sind sie quasi kleine Inseln der Artenvielfalt und gleichzeitig Identifikationspunkt der dort wohnenden Menschen. Dass Vögel auf und in ihnen brüten ist bekannt und wird sogar regelmäßig von uns Menschen beobachtet. Einige Vogelarten, wie der Mittelspecht (Foto Schlosspark Putbus), sind sogar auf alte Baumbestände angewiesen und kommen nur dort in größeren Dichten vor. Dass viele der nachtaktiven Fledermausarten, die in den Baumhöhlen den Tag verschlafen und Nachts auf die Jagd nach Insekten gehen, ebenfalls derartige Bäume zum Überleben brauchen, ist da schon weniger bekannt (Foto: Braunes Langohr in einer Baumhöhle). Und dass es eine Unmenge an wirbellosen Arten in und an den Bäumen gibt, wird wohl den wenigsten Menschen bewusst sein. Im Grundsatz gilt, dass je älter ein Baum ist, umso mehr Tiere beherbergt er auch. An Eichen wurden in Mitteleuropa bis zu 500 Arten nachgewiesen, die sogar nur auf Eichen vorkommen (Spezialisten) und nochmal so viele, die auch auf anderen Baumarten vorkommen! Heimische Baumarten bieten vielen Arten einen Lebensraum.

Da alte Bäume bei uns immer seltener werden, werden auch viele der auf alte und dicke Bäume spezialisierten Tierarten immer seltener: Hirschkäfer, die sich in den Wurzelbereichen alter Eichen bevorzugt entwickeln, hat kaum einer schon mal in natura gesehen und der Eremit oder Juchtenkäfer (Foto: Eremit) macht nur dann Schlagzeilen, wenn er – wie bei Stuttgart 21 – zu Verzögerungen bei Bauvorhaben führt. Warum werden alte Bäume immer seltener: Im Wald werden Bäume zumeist schon viel früher eingeschlagen – bevor sie alt, hohl und damit ökonomisch wertlos werden. Entlang von Alleen, alten Parkanlagen oder Gärten werden gerade alte Bäume aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht nur allzu häufig gefällt – die Sicherheit hat hier mit Sicherheit  und vollkommen zu Recht Vorrang! Aber gleichzeitig muss der Artenschutz ebenfalls berücksichtigt werden: Oft ließen sich alte Bäume in Parkanlagen und selbst noch an Straßen nämlich durchaus noch erhalten: Bruchgefährdete und tote Starkäste können herausgesägt werden, Kronen können weiter ausgelichtet bzw. entlastet werden, um ein Auseinanderbrechen zu verhindern und nicht zuletzt können Bäume, die abseits häufig genutzter Wege stehen, abgezäunt werden, damit Menschen nicht zu Schaden kommen – Baumpflege statt Baumfällung ist hier aus Sicht des Artenschutzes sinnvoll und häufig auch gesetzlich gefordert. Kommen hoch spezialisierte und besonders geschützte Käfer wie der Eremit oder eine der ebenfalls geschützten Fledermausarten vor, kann es sogar so weit kommen, dass nur noch der Stamm erhalten bleibt, in dem sich die Tiere befinden und den sie weiter nutzen können – ein Erhalt ist dann noch über viele  Jahre möglich – wenn auch das erhabene Erscheinungsbild eines alten Baumes nicht mehr greifbar ist. Für den Außenstehenden führt  der Anblick eines solchen „verstümmelten“ Baumtorsos zumeist zu Unverständnis  – kleine gelbe Schilder am Baum mit Käfer- oder Fledermaussymbolen sollen daher auf die Bedeutung der Bäume für den Artenschutz hinweisen.

Ziel sollte es sein, prägende und für den Artenschutz wertvolle Baumveteranen zu erhalten, es zuzulassen, dass auch jüngere Bäume die Möglichkeit haben, sich zu Baumveteranen zu entwickeln und dass wir Menschen uns mehr über die Bedeutung dieser Bäume bewusst werden, die auch nicht durch viel Geld ersetzt werden können.

 

Rechtliche Regelungen, die bei Bäumen oder Sträuchern im eigenen Garten zu beachten sind:

Baumschutz

Über das Naturschutzausführungsgesetz (§18 NatSchAG MV) sind Bäume mit einem Stammumfang ab 100 cm in 1,3 m Höhe gesetzlich geschützt. In Hausgärten gilt § 18 für fünf Baumarten: Buche, Eiche, Linde, Ulme und Platane. Fällungen, Kappungen oder das Absägen von Starkästen sind verboten.

Einige Gemeinden haben zusätzlich eigene Baumschutzsatzungen, die über den gesetzlichen Baumschutz hinausgehen. Hier ist bei der jeweiligen Gemeinde nachzufragen, ob es eine solche gibt.

Zusätzlich ist der Artenschutz zu beachten:

Bäume sind Lebensraum für viele Arten, die zum Teil aufgrund ihrer Seltenheit oder Schutzbedürftigkeit gesetzlich besonderen Schutz genießen.

Um Brutvögel zu schützen dürfen Hecken, lebende Zäune, Gebüsche und andere Gehölze nicht in der Brutzeit vom 1. März bis 30. September abgeschnitten, auf den Stock gesetzt oder beseitigt werden. Ein schonender Pflegeschnitt ist erlaubt (§ 39 BNatSchG, allgemeiner Artenschutz)

Befinden sich Nist- und Ruhestätten von besonders geschützten Arten in Bäumen, Sträuchern, Hecken oder anderen Strukturen, dürfen auch diese unabhängig von der Jahreszeit nicht ohne Weiteres gefällt bzw. diese Nester und Quartiere zerstört werden (z.B. Fledermäuse, Vögel, Eichhörnchen, viele Insektenarten, … , (§ 44 BNatSchG, besonderer Artenschutz)). Hierzu ist bei vielen Arten eine artenschutzrechtliche Genehmigung bei der unteren Naturschutzbehörde notwendig. Eine vorherige Nachfrage bei der Behörde ist hier dringend zu empfehlen.

Hinweise zum Artenschutz gibt der Leitfaden des LUNG: