Einzigartige Studie des Gesundheitsamtes des Landkreises Vorpommern-Rügen zu Händigkeit bei Kindern
„Ich mache es euch nicht mehr recht!“
(Landkreis Vorpommern-Rügen, 11. September 2025) Ein altes Familienfoto, zwei kleine Kinder am Maltisch: Während eines konzentriert den Stift in der rechten Hand führt, kritzelt das Geschwisterkind selbstbewusst mit links. Für Dr. Susann Heusler, Ärztin beim Fachdienst Gesundheit des Landkreises Vorpommern-Rügen, war dieser Unterschied bei ihren eigenen Zwillingen mehr als eine alltägliche Beobachtung. „Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass Händigkeit ein Thema ist, das uns alle betrifft – Eltern, Kinder, Lehrkräfte, Ärzte“, erzählt sie im Interview mit Carola Bänder, Herausgeberin und Autorin der „Landknirpse – der Zeitschrift für Familien mit Kindern mit Sitz in Wiendorf, die sich mit der Thematik bereits seit vielen Jahren beschäftigt und in der aktuellen Ausgabe eine Seite widmet.
Aus persönlichen Erlebnissen Dr. Heuslers und ihrer langjährigen Erfahrung aus etlichen Schuleingangsuntersuchungen und Beobachtungen tausender Kinder, entstand eine wissenschaftliche Spurensuche, die inzwischen ein groß angelegtes, deutschlandweit einzigartiges Forschungsprojekt geworden ist.
Gemeinsam mit der Universität Greifswald untersucht das Gesundheitsamt des Landkreises, wie hoch der Anteil linksagierender und eben nicht nur linksschreibender Kinder ist und ob die Händigkeit im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung ermittelt werden kann.
Händigkeit – mehr als eine Frage der Schreibhand
Händigkeit bedeutet, dass eine Hand bei alltäglichen Bewegungen bevorzugt wird – sei es beim Malen, Schneiden, Zähneputzen oder Ballwerfen. Dahinter steckt eine neurologische Organisation: Die eine Gehirnhälfte steuert bevorzugt die feinmotorischen Bewegungen. Ob ein Kind Rechts- oder Linkshänder wird, ist dabei keine Erziehungsfrage, sondern zur Geburt festgelegt.
Wie Sie die Händigkeit feststellen können, erfahren Sie in diesem Beobachtungsbogen.
Früher war es jedoch üblich, linkshändige Kinder zur Nutzung der rechten Hand anzuhalten. Was damals als Anpassung galt, entpuppt sich heute als Risiko. Fallbeispiele zeigen,dass die erzwungene Nutzung der „falschen“ Hand zu motorischen Problemen, Konzentrationsstörungen, Sprachauffälligkeiten oder einem geringeren Selbstwertgefühl führen kann.
Einzigartiges Projekt in Deutschland
Im Landkreis Vorpommern-Rügen wird die Händigkeit im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung nun besonders genau dokumentiert. Eltern werden befragt, Kinder bei typischen Tätigkeiten beobachtet, zusätzliche Items ergänzt, und bei Unsicherheiten steht eine zertifizierte Händigkeitsberaterin zur Verfügung. „So können wir die natürliche Veranlagung eines Kindes besser erkennen und es individuell fördern – zuhause wie in der Schule“, so Heusler.
Die Erkenntnisse fließen in eine mehrjährige wissenschaftliche Studie ein, die deutschlandweit einmalig ist. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass deutlich mehr Kinder linkshändig sind, als bisher angenommen. Während man lange von 10–15 Prozent ausging, liegen die realen Zahlen wahrscheinlich bei über 30 Prozent – ein Unterschied, der oft durch jahrzehntelange Umerziehung verschleiert wurde.
